Der nackte POet

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Die Tanne und der Bach
16.02.2014 11:15

Die Tanne und der Bach

Auf einer Lichtung in einem großen Wald stand eine hohe Tanne, voll des Lebens. Stolz ragte sie empor in den Himmel, und all die anderen Tannen um sie herum bewunderten sie, wegen ihrer Kraft und  strahlenden Schönheit.

 An den Wurzeln vorbei schlängelte sich ein kleiner Bach, dem nahen Gebirge entsprungen, ein reiner Quell. Sein klares Wasser spendete schon so manchem vorbeiziehenden Jüngling Erfrischung unter der heißen Sommersonne.

An jenem Tage sprach die Tanne, ihre Äste empor geschwungen „Lieber Bach, erkennst Du meine Weisheit, mein saftiges Grün, meine betörende Schönheit und Eleganz, mein herausragendes Wesen und mein immer blühendes Leben ?
Sieh ich vermag meinen Blick zum Himmel zu werfen, und kann sehen, zugleich, was sich unten an meinen Wurzeln tut, doch Du, Du bahnst Dir Deinen Weg durch Geröll, und Schlamm, umspülst die Steine und mußt immer weiter.“

Die Tanne machte eine kleine Pause und breitete ihre großen weiten Äste aus. „Siehst Du, was für ein wunderbares Leben ICH führe ?“

Die anderen Tannen lauschten gespannt und senkten ihre Wipfel neugierig.

„Oh mein lieber Bach, Du solltest sein wie ich, wie schön wäre doch dein Leben und Du wärst eine von uns“.

Den Bach befiel eine Art Wehmut, wie er sie noch  nie zuvor empfand. Sein Dasein ? Nicht so ergiebig, nicht so erfüllend , wie das der immergrünen Tanne ? Und so keimte in ihm der Wunsch, als wie ein Baum zu sein, immergrün und leuchtend und stets von der Sonne beschienen und von allen bewundert.

Tag für Tag erzählte die Tanne Geschichten und Geschichten, von Dingen, die sich an ihren Wurzeln taten und Dingen, die sie in weiter Ferne beobachten konnte.

Eines Morgens kam ein Wanderer des Wegs, und benetzte sein Gesicht mit dem kühlen klaren Wasser des sprudelnden Baches.

Da sprach der Bach „Wanderer, sieh’ nur, Du benetzt Dein Gesicht mit meinem Wasser, und die Tanne spendet Dir Schatten, doch was begehrst Du mehr ?“

Da antwortete der Wanderer, „Wenn die Tanne keinen Schatten spendet, so dörrt die Sonne Dich aus, doch wenn Dein Wasser nicht mehr fließt, so vertrocknen die Wurzeln und der Wald verdurstet“.

Da rief die Tanne „Dummer Wanderer, siehst Du nicht, daß uns der Regen ernährt, der vom Himmel fällt, und der uns nährt und den Bach füllt ?“

Da ward es dem Bach wieder schwer ums Herz, und abermals wünschte er sich ein Baum zu sein.

Der Wanderer hingegen war ein großer Zauberer, er spürte die Traurigkeit, von der der Bach erfüllt war und meinte Gutes tun zu müssen. Da sprach er also einen Spruch, und verwandelte den Bach im Nu in eine noch viel größere und schönere Tanne.

„Nun bist Du Eine von uns“, sprach die Tanne, nicht ohne Neid.

Dann kam der Sommer. Und es war trocken, und kein Tropfen fiel vom Himmel. Der Wald klagte über die Trockenheit und die Dürre zog ein, und bedrohte den Wald.

Da sprach die Eine „Dürre, kehr‘ um, warum quälst Du uns ?“

Da antwortete die Dürre, „Sieh‘, es ist ganz einfach. Du gehst unter, weil Du das Andere nicht leben ließest, und Du Bach gehst unter, weil Du Anderes leben wolltest. Und Du Wanderer gehst unter, weil Du nicht ließest, was der Himmel geschaffen. Denn der Wald spendet Schatten, und der Bach tränkt das Leben“. Und so hat jedes seinen Ort und seinen Platz auf Erden.

(c)Alexander  - aka Der nackte Poet

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